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Glaskugel: E-Mobilität 2020

So habe ich am 11.03.2015 einen Artikel veröffentlicht im Rahmen der „Blogparade: Mobilität in fünf Jahren“, ausgerufen damals von Electrify-BW.

Heute nun, genau mit Ablauf dieses Zeitraums, veröffentlich sich der damalige Artikel automatisch neu. Ich bin selbst sehr gespannt, die damalige Prognose in der Gegenwart zu lesen…

11.03.2015: Glaskugel E-Mobilität 2020

Wo stehen wir mit der Elektromobilität in fünf Jahren? Ich wage einen Blick in die Zukunft, bin gespannt, welche Inhalte 2020 tatsächlich „genau so“ ein Thema sind und bei welchen Vermutungen ich völlig daneben liegen werde. Ein Schwerpunkt: Energieversorgung für Elektroautos in den Städten.

2020: der Wandel setzt nachhaltig ein

Das von der Bundesregierung erstmals bereits im Sommer 2009 und bis 2014 immer wieder erneuerte Ziel von einer Million Elektroautos bis 2020 wird verfehlt. Dennoch ist 2020 ein bedeutendes Jahr. Auf breiter Front besteht nahezu eine Kaufpreisparität zwischen PKW als Verbrenner oder mit Elektroantrieb. Menschen werden nicht mehr von einem zu hohen Fahrzeugpreis eines E-Autos abgeschreckt, sondern wählen frei nach ihren Bedürfnissen einen neuen PKW aus.

In den Unternehmen sind Elektroautos auch bei den Fuhrparkmanagern angekommen. Für regionale Fahrten auf relativ fest planbaren Routen ist die zwischenzeitlich realistisch erreichte 250 km Winter-Reichweite auch im Mittelklasse-Segment mehr als ausreichend. Die Vollkostenrechnung (TCO) inkl. Fahrenergie, Wartung und Verschleiß zeigt die Vorteile von E-Autos schon nach wenigen Jahren deutlich. Und dies, obwohl die zwischenzeitlich ausgedehnte und erhöhte Straßenmaut sowie die angekündigte neue Fahrstromsteuer für spürbare Verteuerung und für Irritationen sorgt.

Aufladen der Elektroautos

Genug Aufladepunkte für E-Autos bereitzustellen ist die Herausforderung der Gegenwart in 2020. Während die Unternehmensflotten häufig auf dem eigenen Firmengelände überwiegend regenerativ und dezentral geladen werden, bleibt diese Möglichkeit den (Miet-)Bewohnern von Städten verwehrt.

Der 2014 begonnene deutsche Alleingang mit der ausschließlichen Förderung von CCS-Schnellladesäulen ohne CHAdeMO-Stecker hat den Ausbau der Ladeinfrastruktur an den Verkehrsadern zwischen den Metropolen unnötig gehemmt. Nahezu alle Nachbarländer sind hier spürbar weiter. Entsprechend ist auch dort die Nutzungsbereitschaft von Elektroautos deutlich höher. Thematisch immer interessanter wird es, wie die weiter wachsenden Schnellladeströme bis zu 200 kW bereitgestellt werden können.

Immer mehr Unternehmen erkennen, dass sich Ladepunkte in Arbeitsnähe sehr positiv auf Mitarbeiterzufriedenheit und Mitarbeiterbindung auswirken. Nachdem auch das Thema „geldwerte Vorteile von Strombezug über den Arbeitgeber“ und die Eichvorschriften für Stromabgabe nach zähem Ringen endlich von der Regierung halbwegs praxisbezogen angepasst wurde, werden mehr und mehr Parkplätze modernisiert mit Ladepunkten ausgestattet.

Induktive Ladesysteme sind proprietär bereits im Praxiseinsatz vorhanden, scheitern aber noch an der fehlenden letzten Standardisierung über alle Automarken hinweg. Der Wirkungsgrad ist inzwischen realistisch und nicht nur im Idealfall bei über 95% angelangt; die Bedenken zu Belastungen der Menschen durch die Magnetfelder sind aber noch nicht ausgeräumt. Insbesondere Herzschrittmacher können auf die Felder mit Wechselwirkungen reagieren, und auch die Auswirkungen auf den Menschen an sich sind nicht ausreichend erforscht.

Parken und Laden in der Stadt

Eine Lösung dieser Probleme bieten modernste Parkhäuser, die inzwischen in verschiedenen Ballungsräumen gebaut wurden. Ladeplätze mit Induktionsplatten nehmen einen kleinen Teil ein. Als Standard gilt nach wie vor der Mennekes-Typ-2-Stecker, der sich europaweit durchgesetzt hat und auch für die frühen Elektroauto-Modelle geeignet ist. Diese Anschlußbuchsen gibt es im Parkhaus in großen Stückzahlen, jeweils zentral an eine Stromversorgungseinheit angeschlossen. Das drückt den Preis je Ladepunkt und ermöglicht je nach Anforderung eine schnelle Ladung gegen Aufpreis oder die günstigere Normalladung. Dieses Energie-Balancing über viele Fahrzeuge schafft eine bestmögliche Ausnutzung der auch regenerativ bereits vor Ort erzeugten Energie.

Stadtplaner erkennen langsam das gewaltige Potenzial dieser neuen zentralen Parkhäuser in den Stadtteilen. Die schnelle Entwicklung der autonomen Fahrzeuge in den vergangenen Jahren sorgt dafür, dass kleine Shuttles Fahrer und Einkäufe die letzten Meter bis zur Haustür bringen und eigenständig wieder zum Parkhaus zurückfahren. Erlaubt ist dies bisher aber nur in abgeschlossenen kleinen Gebieten bei langsamen Geschwindigkeiten. Wohnstraßen können so verkehrsberuhigt werden, die Lebensqualität steigt spürbar an und es bilden sich in den Jahren nach 2020 ganz neue Wohnquartiere.

Autonomes Fahren

Die praxisnahen Erfahrungen mit selbst lenkenden Fahrzeugen sind vielversprechend. Ungelöst ist aber weiterhin die Verwendung und der Schutz der überall in den Autos anfallenden Daten. Viele Interessengruppen wollen inzwischen neben den Herstellern Zugriff auf diese Fahrdaten. Versicherungen versuchen vergünstigte Tarife anzubieten, wenn man im Gegenzug die Fahrzeugdaten zum Zugriff anbietet. Es gibt Versuche, die Geschwindigkeit von außen zu regulieren und so Geschwindigkeitsbeschränkungen effektiv durchzusetzen. Abstandssysteme sind schon fast selbstverständlich, aber die Koppelung der Autos zu einem echten Fahrverbund, die gemeinsam dicht hintereinander wesentlich energiesparender unterwegs sein könnten, steckt immer noch in den Kinderschuhen. Die Polizei beginnt, die gespeicherten Informationen und sogar letzte Kamerabilder der Autos für Unfallermittlungen zu nutzen. Dass Fahrprofile über die Anbindung ins Internet und über die GPS-Koordinaten auch rückwirkend erstellt werden können, scheint nach wie vor kaum jemanden wirklich zu interessieren. Die Haftungsfragen bei Unfällen mit autonomen Fahrzeugen sind noch nicht geklärt.

Gemeinsame Fahrzeuge

Multimodale Mobilität kommt in immer mehr Köpfen an, insbesondere bei der jüngeren Generation. Längst nicht jeder hat mehr ein eigenes Auto. Die deutsche Autobranche ächzt unter diesen Veränderungen, auch weil immer mehr neue Hersteller mit modernen Spezial- und Stadtfahrzeugen auf den Markt kommen. Die weitere Verbreitung von Sharing-Systemen sorgt dafür, dass sich E-Bikes, öffentlicher Nahverkehr und individuelle Fahrzeuge immer mehr verzahnen. Doch hier zeigen sich auch Probleme. Die für die Carsharing-Flotten bereitgestellten Flächen in den Innenstädten sorgen für Unmut der individuell anreisenden Besucher, die weniger Parkplätze finden. Hinzu kommen noch Auflagen aus dem Klimaschutz, die Autos mit Verbrennungsmotor zusätzlich per Städtemaut belasten wollen.

In den neuen Wohnquartieren bilden sich für Elektrofahrzeuge Eigentümergemeinschaften, die private oder wohnungswirtschaftlich organisierte stationäre Carsharing-Initiativen recht erfolgreich etablieren. Aber gerade hier zeigen sich auch die Grenzen. Die Menschen, die bisher ein eigenes Auto hatten, möchten darauf keinesfalls verzichten und sind an diesen neuen Mobilitätsmodellen nur sehr wenig interessiert.

Ländliche Mobilität

Dasselbe trifft für die Menschen zu, die im ländlichen Umfeld leben und täglich in die Städte zum Arbeiten einpendeln. Der immer mehr ausgedünnte und modernisierungsbedürftige öffentliche Nahverkehr zwingt viele Menschen weiterhin ein eigenes Auto zu haben. Die stadtnahen „Park & Ride“-Flächen werden immerhin ebenfalls vergrößert, modernisiert und in ersten Versuchen mit einer Ladeinfrastruktur versehen. So können zumindest „auf der letzten Meile“ einige Fahrzeuge aus den Städten herausgehalten werden. Ein im engen Takt verkehrender Shuttle-ÖPNV soll an ersten Test-Standorten den Weg in die Innenstädte erleichtern.

Der große Wurf…

bleibt aber dennoch weiterhin aus. Weder der Vergleich der Entwicklung von Röhren-Fernsehern zu Flachbildschirmen noch der Wechsel von Analog- zu Digitalfotografie passt zur Mobilität in 2020. Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor bleiben für weite Strecken und für den Logistik-Fernverkehr erste Wahl, immerhin in vielen Varianten teilelektrisch nun auch als Plug-In-Modell erhältlich. Die regionale und stadtnahe Mobilität spürt aber einen deutlichen Wechsel zu Elektrofahrzeugen, Zweiräder eingeschlossen, endlich auch mit einer merklichen Zahl von Elektro-Motorrädern.

Wir stehen 2020 am Anfang des nachhaltigen Wandels.

Soweit meine Prognose im Rahmen der Blogparade. Ich freue mich, wenn alle hier einfach Ihre ergänzende Meinung in den Kommentaren verewigen. In fünf Jahren schauen wir dann gemeinsam wieder darauf.

Foto: Eva Kröcher (Wikimedia-Lizenz)

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